Am nächsten Morgen brechen wir zeitig auf zum Hafen. Parken ist in Key West weit weniger schwierig als zum Beispiel in Miami, vorausgesetzt man ist nicht zu spät dran.
Hier gibt es überall größere Parkflächen, so gut wie alle kostenpflichtig natürlich, aber immerhin mit Parkautomaten, die man mit der Kreditkarte bezahlen kann, ohne irgendwelches Gefummel mit einer App.
Wir suchen uns einen strategisch günstig gelegenen Parkplatz am Ende der Simonton Street, wenn wir vom Hafen später noch zum Mallory Square wollen, kommen wir automatisch hier wieder vorbei und können nachlegen.
Trotzdem wir 8 Jahre nicht hier waren, ist die Umgebung irgendwie immer noch total vertraut.
Institution in Key West: Kermit's. Früher habe ich ja immer geglaubt, das sei der echte Kermit, der da vor der Tür steht und seinen Key Lime Pie anpreist.
Wir schlendern den Boardwalk entlang zwischen Conch Chowder Restaurants
und dem Gewirr der Krabbenfischerboote mit ihren aufgestellten Auslegern
vorbei an der America 2.0, mit der wir letztes Mal in den Sonnenuntergang gesegelt sind
Oh weh, man kann ihm nicht entgehen:
In irgendwas, was den Namen Berlin trägt, wollen wir hier und heute ganz bestimmt nicht sitzen!
Unser Ziel sind ganz am Ende des Boardwalks die Turtle Kraals mit dem gleichnamigen Restaurant und dem Museum.
Normalerweise sind die Kraals voller Tiere, Tarpune und oft auch Ammenhaie. Heute ist das Wasser ganz ruhig und ich investiere mal zwei kostbare Wäsche-Quarter in Fischfutterpellets. Danach wissen wir, daß die Tarpune immer noch da sind…
Abstecher ins Turtle-Museum, auch das ist bei jedem Key West-Aufenthalt Pflicht. Auch hier verändert sich rein gar nichts, ein Conch sitzt am Eingang und gibt auf Wunsch Auskünfte oder auch eine kleine Führung.
Daß Meeresschildkröten früher so regelmäßig gegessen wurden, daß der Begriff „Suppenschildkröte“ ganz normal erschien, mag jüngeren Menschen heute unglaublich vorkommen. Das Leid der Tiere, die hier in den Kraals bis zur Schlachtung gehalten wurde, muß furchtbar gewesen sein. Und wenn man bedenkt, in wie vielen Ländern der Welt bis heute trotz besseren Wissens große Hotelkomplexe direkt an die wichtigsten Eiablagestrände gebaut werden, behandeln wir Schildkröten bis heute ja nicht wirklich gut.
Der Eintritt ist kostenlos, es finanziert sich lediglich aus Spenden, und auch wenn wir alles, was hier gezeigt wird, schon auswendig aufsagen können, gehen wir schon allein aus dem Grund immer hin, ein paar Scheine in die Spendenkiste zu stecken.
Danach steuern wir auf direktem Wege das gegenüber liegen de Turtle Kraals Restaurant an. Früher fanden hier harmlose kleine Rennen mit Landschildkröten statt, die eine vielleicht fünf Meter lange Holzplanke entlangliefen und auf die man als Gast wetten konnte.
Inzwischen sind die vielen Schildkröten-Isignien, mit denen das Restaurant geschmückt war, weitestgehend verschwunden, auch den früher hier ausgeschenkten Naked Turtle Rum gibt es nicht mehr, und während am Giebel weiterhin das alte Schild mit dem Namen Turtle Kraals hängt, leuchtet an der Längsseite neuerdings der Name „Boathouse“.
Angesichts der Namensungleichheit der beiden Gebäudehälften fragen wir bei der Empfangskraft, die unter dem Boathouse-Schild den Eingang bewacht, nach, ob es sich noch um ein und dasselbe Restaurant handelt oder ob das Turtle Kraals einen eigenen Eingang hat. Wir werden daraufhin mehrmals energisch darauf hingewiesen, daß die Toilets nur für Restaurantbesucher sind, und ich frage mich, ob das Problem jetzt an meiner Aussprache oder doch eher daran liegt, daß die junge Dame gar nicht weiß, daß ihr Arbeitsplatz zwei unterschiedliche Beschilderungen hat.
Dem Mister wird es irgendwann zu dumm und er marschiert einfach an ihr vorbei zum nächsten freien Tisch mit Blick auf die Kraals. Sie guckt uns verdutzt hinterher, vermutlich angesichts unserer Dreistigkeit, uns einfach selbst einen Tisch auszuwählen.
Spätestens beim Anblick der Speisekarte klärt sich dann auf, daß vom Turtle Kraals tatsächlich nichts als das historische Schild zur Erinnerung übriggeblieben ist.
Das Boathouse hat nicht nur keinen Naked Turtle Rum oder Conch Salad mehr, dafür aber grotesk hohe Preise für winzige Portionen. Wir ahnen schon, daß wir abends nochmal zur goldenen Möwe müssen.
Trotzdem ist es schön, auch ohne Schildkrötenambiente. Wir haben den Blick auf den historischen Hafen und die Boote, man kann gut Leute gucken. Wir genießen die Zeit. Bis die Rechnung kommt, denn genau in diesem Moment nimmt der Ärger seinen Anfang, der uns den Rest der Reise immer wieder begleiten und uns in Kürze noch in eine sehr unangenehme Situation bringen wird: Meine Kreditkarte wird abgelehnt.
Die des Misters funktioniert aber und so sind wir aus dem Schneider. Trotzdem seltsam und irgendwie beunruhigend. Unterwegs zum Mallory Square ziehen wir sicherheitshalber ein paar frische Dollar, um im Falle des Falles flüssig zu sein.
Wir trödeln durch die Souvenirshops, kaufen hier eine Kleinigkeit und auch dort, linsen mal von der Seite ins historische Aquarium hinein und hören heimlich bei einem Vortrag zu.
Irgendwann sind wir am Mallory Square angekommen und setzen uns in den Schatten eines gigantischen Kreuzfahrtschiffes. Wenn das Schiff vorher in Nassau war, muß es sich hier ja regelrecht einsam vorkommen.
Die Leguane sind hier ind deutlich besser genährt als die vom Zentralfriedhof. Und deutlich selbstbewußter auch. Die wissen genau, daß sie die Stars vom Mallory Square sind.
Wie kann man männliche und weibliche Leguane unterscheiden?
Ganz einfach daran, welche Toilette sie benutzen. Dies muß also ein Mädchen sein. Oder sich zumindest so definieren.
Der Mister hat danach genug Key West Downtown und fährt ins El Patio zurück, was für mich günstig ist, denn ich habe ja noch etwas zu erledigen und muß zu Fuß weiter.
Auf der Duval Street ist inzwischen richtig Trubel. Ob im Sloppy Joe's
oder im The Bull, überall drängen sich die Leute bis auf die Straße.
Ich mag die Atmosphäre immer noch. Die echten Conchs werden im Straßenbild weniger, die Geschäfte sind kommerzieller, die originellen kleinen Läden muß man inzwischen suchen, aber es gibt sie noch.
Genauso wie die historischen Kinos, das Strand
oder das Cinema Tropical
Auch das Hard Rock Café ist gut besucht, dennoch sind seine Tage hier gezählt, noch im April wird die Filiale auf Dauer geschlossen.
Das blaue Queen Anne-Gebäude war ursprünglich der Wohnsitze der Curry-Familie. Curry ist ein Name, auf den man in Key West immer wieder stößt, ursprünglich arme Auswanderer aus den Bahamas, aus jener Generation stammend, für die auf den seit dem Unabhängigkeitskrieg übervölkerten Inseln nicht mehr genug Platz vorhanden war, so daß sie ihr Glück in Florida suchen mußten.
So wie die schwarze Bevölkerung nach Miami zog und Orte wie Coconut Grove gründete, gingen Weiße nach Key West, betrieben Wrackbergung oder Zigarrenhandel, wurden die ersten Millionäre Floridas und Key West zur reichsten Stadt der USA.
Fast an jedem historischen Gebäude in Key West klebt eine Plakette, auf der der Name Curry auftaucht. Historisch bedeutsam, wie sie für die Geschichte der Stadt sind, sind sie gut erhalten. So mitten auf der Duval Street muß man sich wohl keine Sorgen machen, daß das Curry Mansion ohne Hard Rock Café lange ungenutzt bleibt.
Irgendwann bin ich auf der Duval Street bei der Hausnummer 340 angekommen, mein Ziel und letzte Chance, mein Geheimprojekt noch zu realisieren. Aber hier ist noch weniger zu holen als auf Stock Key. Der Laden, in dem Smuggler Jim angeblich seine auf Stock Key gebrauten Getränke und sein sonstiges Merchandise verkauft, ist leer und die Schaufensterscheiben mit Packpapier abgeklebt.
Man muß wissen, wann man sich geschlagen geben muß. Nachdem ich dem Mile Marker 0 noch kurz einen Besuch abgestattet habe, habe ich für meine Mühen eine Belohnung verdient, finde ich, und versuche mein Glück bei Wicked Lick.
https://wickedlick.com/
Eine Zeitlang im Internet mächtig als beste Eisdiele Key Wests gehyped hätte ich ehrlich gesagt mehr erwartet. Ich wähle Key Lime Pie und es schmeckt ok, aber auch nicht so überragend anders als anderes Eis. Teuer ist es außerdem und im Laden so kalt, daß man auch an seinem eigenen Arm lecken könnte, wenn man Eis möchte.
Auf dem Weg zur Simonton taue ich langsam wieder auf. Ich mag die Straße mit ihren vielen Holzhäusern und üppigen Bepflanzungen. Noch mehr davon gibt es eigentlich nur in der Washington Street, in der das El Patio liegt.
An den Häusern in Key West werde ich mich wohl nie sattsehen können
Auf halber Höhe dann der Ort, an dem ich mir eine Antwort auf meine gescheitert Key West-Mission erhoffe: Die Botschaft der Conch Republic
Drinnen sitzt ein grauhaariger Conch hinter der Kasse, der aussieht, als wisse er über alles Bescheid. Und so ist es dann auch. Ich erzähle ihm, daß der Ehemann und ich selbst Conchs werden möchten, offizielle Staatsangehörige der Conch Republic, und einen Paß erwerben. Nur haben wir den Zeitpunkt verpaßt, zu dem die Conch Republic selbst noch „richtige“ Einbürgerungszeremonien vollzog.
Ja, lacht er, das waren wir, das haben wir genau hier gemacht, und zeigt hinter sich in einen Büroraum. Hier fanden die Zeremonien statt, unter Anwesenheit des Botschafters, mit Händeschütteln und Unterschrift. Aber jetzt, sagt er, ist der Paß nur noch reines Merchandise, hat mit der Conch Republic selbst nichts mehr zu tun, und wird durch einen Drittanbieter über das Internet vertrieben, zu dem er weiter nichts sagen könne. Und dazu macht er so eine wedelnde Handbewegung, wie wenn man ausdrücken möchte, daß etwas dubios ist.
Tja, sage ich, so oder so ähnlich hatte ich es erwartet, denn schon das, was im Internet zu lesen stand klang wenig vertrauenerweckend. Zahlreiche Bewertungen berichten von online bestellten Pässen, die nie geliefert wurden, ein Anbieter, der auf Mails nicht antwortet, wie ich es ja auch erlebt habe. Nun waren diese Pässe natürlich auch früher schon keine legalen Ausweisdokumente, aber ein Paß, der, wenn er denn überhaupt je ankommt, vermutlich in China gedruckt wurde, hat ja nicht mal mehr einen symbolischen Charakter.
Eine letzte Hoffnung habe ich noch und frage, ob sie bei entsprechendem Interesse denn vorhätten, selbst wieder Pässe auszustellen und Einbürgerungen vorzunehmen. Ach nein, sagt er, und klingt selbst ein bißchen bedauernd, das kommt nicht wieder.
Die Chance „echte“ Conchs zu werden, haben wir also verpaßt. Na gut, die Liebe zu Key West schmälert das nicht, und so wandere ich halt noch eine Weile durch die Washington Street und gucke ein bißchen neidisch auf die Conch Republic-Flaggen, die von den Häusern wehen.
Erfreulicher Anblick am Straßenrand:
Der Mister sagt ja immer, einem Challenger steht jede Farbe, aber diese gefällt mir besonders gut.
Zurück im El Patio erzähle ich dem Mister von meinen Abenteuern und verrate nun auch endlich, was ich geplant hatte. Er findet genau wie ich, daß wir irgendwie selbst schuld sind. Wir hätten es sofort 2018 machen müssen, gleich, als wir die Idee hatten. Aufgeschoben ist dann manchmal eben doch aufgehoben.
Am letzten Abend genießen wir noch einmal ausgiebig das El Patio im Sonnenuntergang bei eisgekühlten Breezern. Ob wir wirklich nicht mehr nach Key West kommen werden? Man wird sehen, aber so schnell läßt uns die Stadt sowieso noch nicht los. Auch der kommende Tag wird irgendwie noch sehr Key West-lastig sein.
Nachdem wir gepackt haben und abreisebereit sind, nehmen wir doch reichlich wehmütig Abschied vom El Patio. Wir mögen es hier sehr, aber irgendwann müssen wir doch los, denn der Mister möchte wenigstens einen Versuch starten, das ungeliebte Auto am Flughafen von Key West zu tauschen. Der Versuch verläuft erfolglos, da es keine Auswahl an geeigneten Wagen vor Ort gibt, so daß wir den Rückweg über den Overseas Highway doch wieder in dem verhaltensoriginellen Honda antreten müssen.
Ein letzter Blick auf das Wandgemälde, mit dem Key West seine Besucher begrüßt. Bye Bye Conch Republic sagen zwei, die sich nun leider nicht selbst Conchs schimpfen dürfen.
Vielleicht ist es schwierig nachzuvollziehen, was uns an dem ganzen Prozedere so fasziniert. Es ist dabei weniger die kurze Geschichte um die nicht ganz ernst gemeinte Unabhängigkeit Key Wests.
Es ist vielmehr die unter all dem Tourismus und Kommerz immer noch existente Gesellschaft unangepaßter Menschen, mehr eine Wahl-Familie, die das eigentliche Herz von Key West ausmacht, das einem das Gefühl gibt, an diesem Ort darfst du einfach sein, wer du willst.
Ich bin ja ein großer Fan und langjähriger Follower von Peter Santenello, einem amerikanischen Dokumentarfilmer, der sich gern den Seiten der USA widmet, die jenseits der Welt der Schönen und Reichen existieren. Sein immerhin einstündiger Film über Key West zeigt genau diese Facetten der Stadt
https://www.youtube.com/watch?v=3YyWGQ2dFVA
Ich garantiere Euch, wenn Ihr das angeschaut habt, danach wollt Ihr auch Conchs werden.